Update: 2.1.2026: Ursprünglich hieß der Text “Ein Monat Instagram - die ultimative Challenge”, was ich schön ironisch fand, aber anscheinend kam die Ironie nicht an und es wurde stattdessen als tatsächlicher Clickbait interpretiert. Ich fürchte der Titel ist immer noch nicht gut, aber hoffentlich besser.

Ich probiere aktuell Instagram aus, nachdem ich es 20 Jahre lang verweigert habe. Ich habe mir einen Monat gesetzt, um die App zu erkunden, und muss schon jetzt sagen: Ich freue mich darauf, sie bald wieder zu deinstallieren. Ich weiß jetzt schon, dass ich trotzdem einiges vermissen werde:

Ich bin wirklich fasziniert, dass es sich bei dieser App nicht, wie ich ursprünglich dachte, um eine Möglichkeit handelt, mit Freunden in Kontakt zu bleiben – was ich sehr schade finde, da ich das immer für den überzeugendsten Anwendungszweck hielt.

Ich versuche, meine Gedanken etwas nach verschiedenen Bedürfnissen und Wünschen, die ich an die App habe, zu sortieren und zu analysieren.

Zuerst einmal vorweg: Ich habe es nicht geglaubt, aber der Algorithmus hat es tatsächlich sehr schnell geschafft, mir Inhalte unterzuspülen, die mich interessieren und die mich in der App gehalten haben – wenn auch nie länger als 10 Minuten. Das ist wahrscheinlich viel Gewöhnungssache.

Dabei schien es mir nicht so, als müsste der Algorithmus besonders ausgefuchst sein, da die überwiegende Mehrheit des mir vorgeschlagenen Inhalts bereits von meinen Freunden geliket wurde, weshalb die Chance hoch war, dass ich damit etwas anfangen kann.

Wenn ich hier von Inhalt rede, meine ich damit fast ausschließlich „Shorts“ (auf Instagram “Reels”, soweit ich das verstehe), die maximal etwa eine Minute lang sind und sich danach wiederholen. Das ist fast der einzige Inhalt, dem man ausgesetzt ist (Stand November 2025). Bilder existieren kaum, Beiträge mit überwiegend Text hingegen gar nicht. Viele Posts haben zwar etwas Begleittext, dieser ist aber recht versteckt platziert und nicht einfach zu lesen. Mehrfach ist es mir passiert, dass ich, wenn ich im Text weiterlesen wollte (und dort gescrollt habe), stattdessen den Content weitergescrollt habe, was es sehr unangenehm gemacht hat.

Gesellschaftlicher Gatekeeper

Zuerst sollte ich vielleicht erklären, warum ich mir Instagram überhaupt nach so langer Zeit geholt habe: Nachdem ich schon oft von anderen davon gehört habe und ich langsam einsehe, dass ich gewisse Daten von mir ohnehin weit verbreitet sind (allein auf Instagram garantiert Dutzende Bilder die andere hochgeladen ahben), und ich mich außerdem anderen modernen Geiseln wie LinkedIn ergeben habe, ist meine Aversion etwas abgeschwächt.

Das hat allerdings noch nicht gereicht. Der Tropfen, der mich letztendlich dazu gebracht hat, Instagram zu installieren, war die Tatsache, dass ich in Athen Leute kennenlernen wollte und die Veranstaltungen des ESN (Erasmus Student Network) nur auf Instagram mit einem Account einsehen konnte – die Websites wurden schon über ein Jahr nicht mehr gepflegt.

Das ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass Instagram zu einem gesellschaftlichen schwarzen Brett geworden ist, das es ermöglicht, sich lokal miteinander zu vernetzen, Angebote sichtbar zu machen und Informationen zu kommunizieren – im Gegensatz zum World Wide Web, aber unter Ausschluss aller Menschen, die sich nicht bei Meta (Facebook) registrieren wollen. Und was das für eine Registrierung ist: E-Mail, Telefonnummer (unfreiwillige Verknüpfung mit WhatsApp, einer weiteren App, deren unfreiwillige Geisel ich bin), CAPTCHA und dann auch noch ein Scan von meinem Gesicht.

Meiner Meinung nach ist das wirklich nicht in Ordnung, dass dies die Hürde für Teilhabe ist. Selbst dann wird man noch eingeschränkt: Beispielsweise wurde mir anfangs verboten, einigen Accounts zu folgen. Das Ziel ist natürlich, Bots auszusperren, aber warum mit solchen Mitteln? Viele private Konten erfordern, dass der Besitzer bestätigen muss, dass der Inhalt angesehen werden darf, und solche Maßnahmen halten keine Botarmeen auf. Die Botarmeen entstehen dann im Zweifelsfall unter Ausbeutung der Ärmsten oder sogar mit Menschenhandel, wie beispielsweise hier beschrieben wird.

Enorme Massen origineller, kulturell und intellektuell beeindruckender Inhalte

Wie sich dann aber schnell zeigt, ist Instagram nicht hauptsächlich das schwarze Brett, weshalb ich es mir installiert habe; noch die Möglichkeit, mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben. Vielmehr muss man diese Dinge relativ aktiv suchen. Der Feed (also die Dinge, die man angezeigt bekommt) besteht aus einer endlosen Anzahl an Videos, die sich mit wirklich allem beschäftigen. Eine Aufzählung tut dem nicht genüge; man findest jedes Genre, jedes Thema – alles.

Diese Unendlichkeit wird nicht einstellbar und untransparent kuratiert von dem Algorithmus, über den in gesellschaftlichen Debatten immer wieder die Rede ist. Sobald ich einige Freunde aus der „realen Welt“ hinzugefügt hatte, wurde dieser Algorithmus tatsächlich interessant, und er lieferte mir sehr viel witzigen Inhalt, der mich wirklich zum Lachen brachte. Zwischendurch gab es unglaublich prägnante Ausschnitte aus guten Reden, Nachrichten, Geschichte und erstaunlich viele Videos über die Nuancen der englischen Sprache. Das hat mein Algorithmus mir beschert, und tatsächlich gefällt mir vieles sehr gut. Wie bereits erwähnt, kommen diese Empfehlungen nicht aus dem Nichts; die allermeisten sind bereits von Freunden von mir geliket.

Was ich de facto gar nicht sehe, sind Inhalte von meinen Freunden (teilweise sind die Posts, die ich sehe, recht alt, aber nie taucht etwas Aktuelles von meinen Freunden auf) und auch sonst kein Inhalt von den öffentlichen Profilen, denen ich folge (also diverse Organisatoren, Medienpersönlichkeiten, Initiativen usw.). Dafür muss man dezidiert in einen etwas versteckten Tab klicken, und sobald man irgendwo anders hinspringt, ist man wieder im anderen Feed.

Obwohl es nicht das ist, worauf ich gehofft habe und was ich dachte, dass Instagram ist, muss ich sagen: Ich finde es erstaunlich spannend. Inspiration auf Knopfdruck, Genialität auf Knopfdruck, Witze auf Knopfdruck. Aber wessen Knopfdruck? Ich habe keine Möglichkeit, zu entscheiden, was davon ich bekomme, was ich mehr sehen möchte oder ich die aktuellen Videos einfach blöd finde.

Schlimmer ist jedoch die Kontextlosigkeit von allem: Ausschnitte historischer Reden, Lifehacks, politische Witze sind aneinandergereiht. Selten bietet sich die Möglichkeit, etwas zu vertiefen. Selbst wenn man den Text liest oder auf den Kanal des Erstellers geht, findet sich selten die Möglichkeit, diese Richtung zu vertiefen, z.B. in Form der ganzen Rede oder einer Einordnung. Außerdem wiederholen sich die Videos oft direkt wieder, was ich als sehr anstrengend empfinde. Es gibt auch keinen „Pause“-Knopf; dieser existiert einfach nicht. Möchte ich über das Gesehene nachdenken, muss ich die App schließen. Das einzige, was schnell geht, ist den Ton auszuschalten — vielleicht, damit es nicht zu peinlich wird, wenn man es aus Versehen in der Schule oder bei der Arbeit nutzt?

Ich würde mir wünschen, ich könnte auf die enorme Vielfalt von Instagram, zu der Milliarden von Menschen beitragen, auf eine andere Art zugreifen. Ich glaube, das wäre sehr spannend – insbesondere die Möglichkeit, „anderen“ Content zu sehen, könnte auch ein gutes Training für die eigene Toleranz sein, solange man sich dafür öffnet. Ich weiß aber natürlich, dass das nicht passieren wird. Ich fände einen alternativen Instagram-Client, der mehr Kontrolle über den Content gibt, Pausen einbaut und Texte hervorhebt, unglaublich toll. So könnte man sich die Plattform langsam in eine Richtung entwickeln, in der sie ein Tor zu Inspiration ist, die nicht an einen Pipikackwitz anschließt, sondern die Möglichkeit bietet, sich tiefer auseinanderzusetzen.

Das ist natürlich auch nur meine ganz persönliche Sicht. Ich nehme an, dass ich mit großen Teilen hiervon allein auf weiter Flur sitze. Es gibt definitiv noch mehr Gründe, warum Instagram nicht so ist, wie ich es mir wünsche, neben der Unternehmensstruktur dahinter.

Fazit: Gedanken zum Kontakt mit Freunden

Zwar ist es nicht die Möglichkeit, die ich dachte, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, die ich mir erhofft hatte, aber die Wahrheit ist: Ich habe so viel mehr von Menschen gesehen, mit denen ich seit Jahren nichts mehr zu tun habe, bei denen mich aber interessiert, was sie so machen. Was ich wirklich nicht gedacht hätte und was mich fast dazu bringt, Instagram zu behalten, ist die Möglichkeit, die Reels zu sehen, die deine Freunde sehen, auch wenn sie (das ist nur mein Gefühl) nicht zu mir passen. Dieser Einblick in die Gedanken meiner Freunde und Bekannten fand ich unglaublich spannend! Auch wenn es mich selten wirklich überrascht hat, gab mir das die einzigartige Möglichkeit, Freunde aus meiner völligen Abwesenheit zu beobachten – und auch bis zu einem gewissen Grad, wie sie sich selbst sehen. Das finde ich fantastisch.

Auf Instagram folgt man sich sehr schnell gegenseitig, und so habe ich viele Vorschläge für Konten ehemaliger Klassenkameraden bekommen, denen viele meiner Instagram-nativen Freunde folgen. Aber auch hier ist der Effekt des Erlebens, was bei anderen passiert, nicht eingetreten. Die allermeisten hatten nur ein Profilbild und so gut wie keine Posts oder Storys (in dem Zeitraum, in dem ich Instagram habe). Ein Teil des Problems ist natürlich, dass selbst ein privates Konto relativ schnell „öffentlicher“ wird, wenn man über Jahre jede kleine Bekanntschaft hinzufügt. Deswegen erlaubt Instagram, Posts zu machen, die nicht alle Follower des eigenen Profils sehen können, sondern nur „enge Freunde“. Es kann also sein, dass der Kontakt-Aspekt viel mehr existiert, als ich das als doch relativ Außenstehender wahrnehmen kann. Aber auch im Austausch mit meinen Freunden bleibt das Gefühl: Instagram ist sehr wenig dafür da, mit Freunden in Kontakt zu bleiben, und ist viel mehr eine Plattform zur Content-Vermarktung (wenn auch einer mit teilweise sehr gutem Inhalt).

Ich würde mir eine Plattform wünschen, die sich auf diesen Freund-Aspekt konzentrieren und sowohl das Informationsbedürfnis mit engen Freunden als auch mit entfernten Bekanntschaften abbilden kann. Aber ohne den Netzwerkeffekt wird das wohl erst einmal nichts. Vielleicht sollte ich als Nächstes „Be Real“ ausprobieren.

Zusammenfassung

Zusammenfassend muss ich also sagen: Instagram bietet einen sehr spannenden Einblick darin, wie viele Menschen viel Zeit ihres Alltags verbringen, und es ist deutlich interessanter als erwartet. In seiner aktuellen Form empfinde ich die App jedoch als schrecklich und nicht verbindend.

Mein Instagram-Username war übrigens: disgusted.by.insta. Ich bin überrascht, dass er noch nicht vergeben war.