Dieser Text ist definitiv nichts Unglaubliches Neues und ist wahrscheinlich auch schlechter belegt. Ich hoffe, du findest ihn trotzdem interessant.
Als Gegenthese könnte man beispielsweise Richard Dawkins lesen, den ich persönlich als selbst dogmatisch empfinde. Ich möchte außerdem hinzufügen, dass ich zu den meisten hier genannten Dingen bislang keine Primärquelle gelesen habe.

Einige Definitionen zum Zweck dieses Posts:

Atheismus: Die Überzeugung, dass ein göttliches Wesen jedweder Form nicht existiert, bzw. dass es falsch ist, eine solche Existenz anzunehmen.

Abgegrenzt davon ist Agnostizismus, der keine Aussage darüber trifft, ob ein göttliches Wesen existiert oder nicht, also weder in Richtung Atheismus noch in Richtung einer Form von Glaube oder Spiritualität geht.

Die hier verwendete Definition geht letztlich auf Karl Popper zurück, der als Kriterium für eine wissenschaftliche Theorie die Möglichkeit ihrer Falsifizierbarkeit postulierte.

Damit die „klassische“ empirische Methode funktioniert, sind Wiederholbarkeit und damit die Kontrolle über die relevanten Faktoren eines Experiments unerlässlich. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ein göttliches Wesen, das nicht bei dem Experiment „mitspielen“ will, nicht feststellbar ist. Es lassen sich keine überprüfbaren (falsifizierbaren) Hypothesen aufstellen; die Frage nach einem göttlichen Wesen liegt somit außerhalb der Aussagekraft der Wissenschaft1.

Daraus ergeben sich unendlich viele hypothetische Welten, die durch Experimente für uns nicht unterscheidbar sind. Noch gravierender: Auch ohne die Möglichkeit irgendeiner „göttlichen Wesen“ gibt es unendlich viele Modelle2, die bislang durch unsere Experimente nicht unterschieden werden können, und darüber hinaus zahlreiche Deutungen dieser Modelle3 (wobei Theorie und Deutung nicht scharf getrennt sind).

Widerspruch durch Ockhams Rasiermesser und untestbare Götter

Um aus einer Vielzahl nicht falsifizierbarer Modelle eines auszuwählen, das man als das „wahrscheinlichste“ betrachtet4, benötigt man zusätzliche Annahmen. Sehr beliebt ist hierbei das Prinzip von Ockhams Rasiermesser. Es bezeichnet das eher abstrakte Konzept, die „einfachere“ Theorie auszuwählen – typischerweise jene, die weniger oder schwächer ausgeprägte Annahmen erfordert. Dieses Prinzip kann natürlich dazu führen, dass Theorien, die der zugrunde liegenden „echten“ Wahrheit näher kommen, ausgeschlossen werden5.

Ich würde sogar argumentieren, dass die Annahme von Ockhams Rasiermesser zusammen mit der Annahme eines göttlichen Wesens, das nicht wiederholbar eingreift, zwingend inkonsistent6:

  1. Modell 1 (mit Gott) kann nicht empirisch falsifiziert werden, während Modell 2 (identisch, jedoch ohne Gott) falsifizierbar wäre – entsprechend unserer Annahme über das göttliche Wesen.
  2. Wenn wir Ockhams Rasiermesser annehmen, würden wir Modell 2 wählen, weil es weniger Annahmen enthält; das steht jedoch in direktem Konflikt zu unserer Annahme eines göttlichen Wesens.

Das macht Ockhams Rasiermesser keineswegs zu einer schlechten Annahme; es ist beispielsweise sehr nützlich, um zu entscheiden, in welche Richtung man weiterforschen sollte oder welche Inhalte in der Wissenschaftskommunikation verbreitet werden sollen7. Wichtig ist festzustellen, dass Ockhams Rasiermesser selbst nur eine Annahme ist, die nicht zwingend zur zugrunde liegenden Wahrheit führt.

Das Problem liegt darin, dass Ockhams Rasiermesser häufig in Debatten angeführt wird, um Gott zu „widerlegen“. Dabei ist Ockhams Rasiermesser genauso leichtfertig ein Glaube (bzw. eine Annahme) wie die Annahme eines Gottes, die Atheisten oftmals als bloße Annahme bezeichnen. Es gibt keinen tiefer liegenden Grund dafür, außer Praktikabilität und Vereinfachung – genauso wie Glaube, der auch ohne die Existenz Gottes zu Geborgenheit und Gemeinschaft führen kann.

Fazit

Weniger Annahmen und damit mehr Allgemeingültigkeit erreicht man, wenn man weder Ockhams Rasiermesser noch Gott annimmt (oder glaubt) und stattdessen eine agnostische Haltung einnimmt. Für konkrete Glaubensschemata, die falsifizierbare Hypothesen aufweisen (z. B. die Wirksamkeit von Talismanen oder Homöopathie), sieht das Bild natürlich anders aus. Gleichzeitig schließt es beispielsweise Gotteserscheinungen nicht aus, da diese inhärent nicht wiederholbar sind und damit ebenfalls keine testbare Hypothese darstellen.

Upadate 22.01: Ich habe das Feedback erhalten, dass nicht hinreichend belegt wird, das (viele) Atheisten, die Einschränkung in ihrem Weltbild machen, einen Gott in jeder Form auszuschließen. Um das nachzureichen möchte ich bspw. Atheism: A Very Short Introduction nachreichen, in welchem bspw. dargelegt wird, das die allermeisten Atheisten, Naturalisten sind, “also dass die Welt als ein rein von der Natur gegebenes Geschehen zu begreifen ist.” - Wikipedia

Fußnoten

  1. Ein (oder mehrere) potenziell existierende göttliche Wesen nehmen anscheinend nicht an den Experimenten (z. B. einem Gespräch) teil, weil sie nicht können oder wir das passende Experiment noch nicht gefunden haben. 

  2. Beispielsweise alle Supersymmetrien und Stringtheorien, die in der heutigen Physik diskutiert werden. 

  3. In der Quantenphysik etwa die Kopenhagener Deutung versus die Viele‑Welten‑Theorie; früher gleichwertige, experimentell nicht unterscheidbare Deutungen wie der Dirac‑See oder der Lichtäther

  4. Zweck der Priorisierung von Forschung oder zur Entscheidung, was gelehrt und kommuniziert wird. 

  5. Als einfachstes Beispiel dient Flatland8: Eine Gesellschaft von Wesen, die nur eine zweidimensionale Welt wahrnehmen können, aber in Wirklichkeit in einer dreidimensionalen leben. Das Buch ist eine empfehlenswerte Satire, die die Begrenztheit unserer Vorstellungskraft verdeutlicht, wenn wir versuchen, höhere Dimensionen zu begreifen. 

  6. Mathematischer Fachausdruck für „widersprüchlich“. 

  7. Der Hinweis, dass wir uns nicht sicher sind, ist eine eher langweilige Erklärung für Menschen, die prinzipiell Interesse an aktuellem Forschungsstand haben, aber nicht die Zeit und Kapazität, sich hundert verschiedene Modelle anzuschauen. 

  8. Auch erwähnt auf der Seite mit Medien, die mich beeindruckt haben.