unqualifizierte Gedanken zu einer Wehrdienstdiskussion
Ich habe vor einer Weile beim ESN zwei Politikwissenschaftsstudentinnen getroffen (eine Französin, eine Deutsche) und irgendwie sind wir, während wir im Rahmen des sogenannten “Sketch Roulettes”, während wir unsere Mandalas ausgemalt haben, auf das Thema Wehrdienst gekommen. Da beide sehr für einen Wehrdienst waren, habe ich recht vehement dagegen argumentiert, auch wenn ich selbst noch keine sehr gefestigte Meinung dazu habe. Nach kurzer Zeit ist die deutsche Politikstudentin ausgestiegen, in meiner Wahrnehmung aufgrunddessen dass sie meine Position für so schwach oder extrem hielt, dass die Diskussion es nicht wert war, aber ich mag mich hierbei täuschen.
Meine Argumentation
Meine grundlegende Argumentation war in etwa die Folgende:
- Bevor man erwägt in eine militärische Aufrüstungsspirale zu gehen, sollte man erstmal wirklich schmerzhafte (potenziell auch für den eigenen Wohlstand1) mehr trifft und vorallem effektive Sanktionen durchführen. Gerade im Ukraine Krieg ist es ein absolutes Trauerspiel für die Effektivität der Sanktionen, das russische Raketen wohl immernoch mit westlichen Chips fliegen, die Sanktionen unterliegen2. Das heißt nicht, dass man nicht auch zusätzlich einen Wehrdienst einführen sollte und es werden auch immer wieder neue Sanktionspakete verabschiedet3, aber wie kann es sein, das der Fokus auf dem Wehrdienst liegt, statt die Sanktionen effektiv umzusetzen!
- Die Bundeswehr besitzt immer noch Strukturen, in denen Mobbing, Einweihungsbräuche und Ekelhaftigkeiten teilweise zum Alltag gehören45 Oder ganz frisch hier in der Region6.
- Ein Wehrdienst ist eine wirklich große Freiheitseinschränkung. Diesen in Deutschland ausgesetzt zu haben, war ein großer Sieg für die individuelle Freiheit, die “wir” ja eigentlich sehr schätzen. Sie jetzt wieder einzuführen mag notwendig sein, aber es sollte wohl überlegt sein und es war (denke ich) kein unglaublicher Fehler sie auszusetzen7.
- Vehement habe ich auch dem viel genutztem Argument widersprochen, dass es den jungen Menschen nach der Schule Orientierung gibt und ihnen mal echtes Arbeiten zeigt. Das mag für einige tatsächlich hilfreich sein, aber dieses Argument kann nur ziehen, wenn es freiwillig, positiv konnotiert und beworben ist. Ein Zwang würde (meiner Meinung nach) deutlich mehr Menschen schaden, die dann unter dem Wehr- oder Zivildienst leiden und potenziell mehr autoritätsbezogene Verhaltensmuster verinnerlichen. Dabei wäre eigentlich das Gegenteil für junge Erwachsene, die eigentlich gerade ihre Freiheit erweitern sollen und mündige, kritisch reflektierte, selbständige Bürger werden sollen, zu fordern8. Ich hätte selbst unter einer Bundeswehr ohne die oben erwähnten Strukturen gelitten, weil ich eben konkret wusste, was ich tun wollte und diese Art von Autorität, die in der Bundeswehr notwendig sein mag, nicht ertragen kann.
Es gibt sicher noch viele weitere starke Faktoren, die dafür oder dagegen sprechen. Dass war auch eher nur ein Kurzabriss, worum es von meiner Seite argumentativ ging. Und ein sicher nicht unsignifikanter Teil, weshalb ich mir bei einem Wehrdienst so unsicher bin, ist das ich hier vllt. etwas zu egoistisch bin und mir es nicht vorstellen kann zum Wehrdienst zu gehen, aber es deswegen auch für niemanden sonst fordern kann.
Reflektion der Gegenseite
Ich muss zugegeben, dass ich mich an die genauen Argumente der Politikwissenschaftlerinnen nicht mehr genau erinnere, aber es wurde hauptsächlich anhand einer mehr oder weniger abstrakten Bedrohungslage für Zentraleuropa diskutiert, von der ich in keinster Weise behaupten möchte, dass ich sie einschätzen kann. Allerdings fand ich die Argumentation nicht sonderlich überzeugend. Langfristig sind mir aber zwei Dinge sehr negativ aufgestoßen, die ich hier noch mal ausführlicher ausbreite. Dabei möchte ich klar machen, dass das Gespräch für mich nur der Aufhänger ist darüber zu reden und man die Punkte nicht in annähernd dem Ausmaß auf meine Kontrahenten im Gespräch beziehen kann:
Patriotismus
Ich weiß schon lange, dass Deutschland, aufgrund seiner Geschichte, heute im Großen und Ganzen deutlich unpatriotischer, als viele andere Länder ist und empfinde es deswegen immer sehr schräg, wenn Menschen behaupten, ihr Land sei das Beste in XY und sie seien deshalb so stolz auf ihr Land. Deswegen hat es mich auch nicht überrascht, als die Französin auch viel damit argumentiert hat.
Kurzer Zwischeneinschub: Meine Wahrnehmung dessen, was man aus Patriotismus ziehen kann hat sich in den letzten Jahren und insbesondere auch durch den brillianten Essay “The Lion and the Unicorn: Socialism and the English Genius” von George Orwell geändert. In dem Essay des überzeugten Nicht-Patrioten welcher im zweiten Weltkrieg doch einen gewissen Patriotismus und Überzeugungen für sein Land entdeckt. Die Argumentation fand ich sehr einleuchtend, auch wenn ich wahrscheinlich zu feige bin um daraus Handlungen zu ziehen. Ich kann Patriotismus zu Werten, und daraus auch den Patriotismus zu einer Gesellschaft und ihrer Demokratie verstehen.
Aber das ist, zumindest in meiner Wahrnehmung, nicht das was Menschen meinen, wenn sie über Patriotismus reden oder patriotisch sind, das mag an mir liegen, aber ich glaube es eigentlich nicht: Wenn Politiker einschlägiger deutscher Parteien fordern Patriotismus in Deutschland zu stärken9, wenn die Französin mir davon erzählt das man das Land verteidigen muss, wenn ich eine griechische Grundschule Klasse im Militärmuseum erlebe oder mit meiner griechischen Familie über Griechenland rede (die sehr aufgeklärte Menschen sind). Es schwingt immer noch mehr als der reine Erhalt der Werte, die in dieser Nation erfüllt werden (sollen) mit. Der Patriotismus gilt in erster Linie der Nation, die dann hoffentlich irgendwelche Werte repräsentiert, anstatt dass die Werte die Nation repräsentieren.
Auch erlebe ich es fast immer, dass daraus dann Ansprüche darüber gezogen werden, wie groß die Nation ist, oft verbunden mit der scherzhaften Abwertung aller anderen Länder. Ich frage mich nur, wie scherzhaft das wirklich ist. Im Endeffekt werden damit doch Meistens gar nicht so selten unterbewusste Muster reproduziert10.
Vllt. ist das aber auch mein Problem als Deutscher dass ich den Witz einfach nicht verstehe, aber es gibt auch Witze, bei denen ich mich glücklich schätze sie nicht zu verstehen
Die Aufrüstungsspirale
Gleichezeitig wird aufgerüstet (bzw. bereits bestehendes in Stand gebracht), was durchaus sinnvoll klingt und in meiner Wahrnehmung auch von großen Teilen der Gesellschaft als sinnvoll wahrgenommen wird. Aber gerade weil ein kriegerischer Konflikt wieder mehr in den Vorstellungsraum eindringt, ist es wichtig auch den vielen vielen Antikriegszeugnissen Raum zu geben, um das Risiko das Aufrüstung zum Selbstzweck wird aufzuzeigen und entgegenzuwirken. Ich kann nicht einschätzen, wie hoch das Risiko tatsächlich ist, aber sich vor Augen zu führen, wieviel man durch jedwede Art von Krieg verliert, ist definitiv nicht falsch11. Hier einige Bücher, die mir dabei direkt einfallen oder in letzter Zeit begegnet sind:
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Im Westen nichts neues (Schulbuchklassiker, der sowohl die Kriegshysterie als auch den Schrecken des Kriegs darstellt)
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MAUS (Das besondere an diesem Buch ist nicht das beschreiben der bekannten unbeschreiblichen Gräueltaten, sondern stattdessen die Darstellung, wie unendlich viele “glückliche” Wendungen notwendig waren, um überhaupt zu überleben; und wie schnell Freundschaft und Vertrauen erodiert)
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Das Gesamtwerk von George Orwell, insbesondere aber seine Essays, die er während des zweiten Weltkriegs geschrieben hat, bspw: “The lion and the unicorn”, “Antisemitism in Britain” oder “Notes on Nationalism”
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Der Geist von Turin (kein Antikriegsbuch, aber ein Buch, dass ich vor kurzem gelesen habe und am Anfang gut aufzeigt wie breit die Kriegsbegeisterung in Italien vor dem 1. Weltkrieg war)
Aufgeworfene Fragen
Ich möchte noch einmal betonen, dass ich die zwei Politikstudentinnen hier auch ganz klar als Aufhänger genommen habe und die zwei Punkte noch deutlich weiter gestreckt habe, als sie im Gespräch herausgekommen sind. Da ich mir selbst bei diesem gesamten Themenkomplex noch eher unsicher bin, würde ich mich sehr über Kritik und Anregungen freuen.
Insbesondere hätte ich gerne für mich klarere Antworten auf die folgenden Fragen:
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Was sind die Kriterien nach denen wir entscheiden, dass wir einen Wehrdienst brauchen oder nicht? Irgendwie haben “wir” uns “als Gesellschaft” hier umentschieden, aber mögliche Kriterien oder Quantifizierungen der Bedrohungslage waren sehr selten dabei. Zwar ist der Wehrdienst weder in seiner Einführung im generellen noch in seiner spezifischen Form unkritisch von der Gesellschaft aufgenommen worden, aber die Diskussion für das für und wider schien, zumindest mir, eher diffus und wenig verbunden mit tatsächlichen Argumenten über dessen Wirkung oder einer quantifizierten Begründung der Notwendigkeit.
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Welche andere Stellschrauben haben wir noch neben einer Aufrüstung und wie können wir diese in dem aktuellen Umfeld stärken bspw. im Bereich der Diplomatie, wirksamere und konsequenterer Sanktionen, die Stärkung von Interdependenz, in der Hoffnung damit kriegerische Handlungen zu erschweren oder vllt. allgemeiner das ausbauen und nutzbar machen von soft power.
Vielen Dank an Leo für das Korrekturlesen dieses Posts.
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Das muss natürlich wohl überlegt sein, so das man nicht nur moralisch auf der richtigen Seite ist, sondern auch “die anderen” so deutlich mehr schädigt, als sich selbst. ↩
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Laut diesem Artikel. Ich bin hier definitiv mit gefährlichen Halbwissen unterwegs, und würde mich über Widerspruch freuen. ↩
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https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/eu-sanktionen-2250316 ↩
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Ein guter Freund hat mir bspw. erzählt das er als “Aufnahmeritual” eine richtig eklige Brühe trinken musste und teile einer Mörsertreibladung essen musste um “richtig dazuzugehören”, er hat das allerdings als sehr positiv wahrgenommen. Das war in dieser Gruppe der Standard. ↩
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Der letzte Artikel, den ich darüber gelesen habe war dieser in der ZEIT (Paywall: 18.01.2026) ↩
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https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/fallschirmjaeger-skandale-bundeswehr-100.html ↩
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Nicht ganz ein Argument dagegen, aber in der Argumentation trotzdem kontra gegen das was gesagt wurde. ↩
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Wobei es hier auch ganz klar auf den zeitlichen Rahmen ankommt, der aber in der Diskussion nicht gesetzt ist. Über einen Monat bspw. könnte man viel mehr reden, aber da wäre dann bspw. der Zivildienst (als Alternative) dann auch gesellschaftlich nicht wirklich hilfreich. ↩
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Nicht nur die AfD und kleinere rechtsextreme Parteien. ↩
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Ich merke es teilweise bei mir selbst und Freunden in Bezug auf das Saarland. ↩
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Und führt mir auch immer auf eine ganz andere Art vor Augen wie gut ich es in meinem Leben habe. ↩